In ihrer diesjährigen Blogparade zur Passionszeit fragen Petra und Annegret vom Totenhemd-Blog: „Wo spaziert der Tod durch euer Bild?“ Diese spannende Frage kommt mir wie gerufen, denn der Tod spaziert mir tatsächlich grade auffällig oft durchs Leben.
Vor fünf Jahren, zwei Monate, drei Wochen und zwei Tagen starb meine große Schwester in unseren Armen. Einer der ersten klaren Gedanken, die ich danach hatte, war: „Und jetzt mache ich was Ordentliches aus meinem Leben!“ Was das sein sollte, wusste ich noch nicht und es sollte auch noch eine ganze Weile dauern, bis ich dazu die Kraft haben würde. Aber ich wusste, dass ich ab sofort selbst dafür verantwortlich sein würde, mich zu erden, mich daran zu erinnern, was wichtig ist und mich auf Kurs zu halten. Meine große Schwester, die dies bisher zuverlässig für mich erledigt hatte, war nicht mehr da. Oder doch noch da, aber anders.
Der Tod war immer eine Lebensbegleiterin für mich gewesen, aber mit dem Tod meiner Schwester wurde er greifbarer. Ich spürte deutlich, dass ich nicht mehr die Ewigkeit vor mir hatte, um mir meine Träume und Wünsche zu erfüllen. Als ich endlich aus meiner Trauerstarre auftauchte, traute ich mich zu wagen, ließ alles hinter mir und machte eine Weltreise.
Seit ich wieder zurück bin, versuche ich, faule Kompromisse zu vermeiden. Ich brauche keinen schicken Job mit Angebertitel, in dem ich nicht glücklich bin. Mir ist bewusst, dass ich an meiner Arbeit ersetzbar bin, aber dass meine Rolle als Tochter, Patenkind, Geliebte, Freundin, Tante nur von mir erfüllt werden kann. Klar, wird das Leben auch irgendwann ohne mich weitergehen, aber diese persönlichen Spuren im Leben von anderen sind wohl die einzigen Spuren, die ich hinterlassen will.
Dass mein Leben und die Leben all der Menschen um mich herum endlich sind, versuche ich im Alltagstrubel im Blick zu behalten, aber ich übe noch und viel zu oft schwankt mir dieser Fokus. Ich verliere mich in Alltagsquatsch, der laut schreiend so tut, als sei er wichtig, rege ich mich über Banalitäten auf, steigere mich in Belanglosigkeiten und verfolge Ziele, die eigentlich gar nicht meine sind.
Und dann spaziert mir der Tod durchs Leben.
Ich sehe ihn in Gestalt meiner Schwester, die mir in den letzten Wochen wieder öfter durch die Träume hüpft, sich von mir halten lässt, mit mir tanzen geht. Dass ich sie nach all den Jahren immer noch so vermisse, erinnert mich daran, wer ich sein will.
Oder ich treffe den Tod bei meinem Lieblingsonkel, der im letzten Herbst einen Schlaganfall hatte und an schlechten Tagen sterben wollte. Und statt mir einzureden, dass das ja wieder alles gut wird, weiß ich, es wird nie wieder so wie vorher. Vorher kommt nicht mehr zurück, egal, wie hart er kämpfen wird. Diesmal ducke ich mich nicht weg in Pepptalk, in Motivationsnegierung, die ich früher noch bei meinen Großeltern vorgeschoben habe und meiner Oma so die Chance nahm, mit mir über ihren Tod zu reden, bis sie beide mir einfach so unter den Händen weggestorben sind.
Vor vier Wochen sah ich den Tod am Straßenrand stehen, als wir auf der Landstraße mit 90 kmh fast einen sehr schweren Zusammenstoß gehabt hätten, an dem dann noch drei weitere Autos und ein LKW beteiligt gewesen wären. Keine Ahnung, warum er mich noch nicht mitnehmen wollte, aber das wäre mal wieder eine Gelegenheit für ihn gewesen. Stattdessen hat er mir zugezwinkert: „Weißt du noch? Lebe!“
An dem Abend schrieb ich in Anlehnung an das Peanuts-Zitat in meinen Tagebuchkalender:
„Eines Tages werden wir sterben müssen. Aber an allen anderen Tagen nicht.“
An allen anderen Tagen leben wir. Der Tod erinnert mich daran, diese Tage zählen zu lassen, ihnen Bedeutung zu geben, sie nicht vorbeirauschen zu lassen im Alltagssog.
Heute ist ein ganz besonderer Tag: Es ist der Geburtstag meiner großen Schwester. Ein Tag, an dem ich Kuchen essen und das Leben feiern werde und all die Spuren sehe, die meine Schwester in so vielen Leben hinterlassen hat. Ein Tag, an dem ich Lächeln verschenken werde, nicht so leuchtende wie ihre, aber immerhin meine, weil man damit das Ordentlichste aus allen Tagen herausholen kann.
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Bildnachweis: JacLou DL auf Pixabay.
Petra
Liebe Silke, schöööön. Danke für deinen Blogartikel in unserer Blogaktion.
Ich werde ihn noch präsent einstellen.
Herzlichen Glückwunsch schicke ich deiner Schwester … und dir leckeres Kuchen-essen.
Genieß den Tag, Herzlich. Petra
Silke
Dankeschön, liebe Petra. Und danke noch einmal für diese tolle Aktion.